Deutscher Gewerkschaftsbund

13.11.2014

Made in Hell

Textilproduktion in Bangladesch

Inhaftierte GewerkschafterInnen wieder frei

Nach Monaten internationaler Proteste von Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen weltweit, kam es zu einer Einigung zwischen Gewerkschaften, dem Arbeitsministerium und Arbeitgebern in Bangladesch, alle inhaftierten Gewerkschafter*innen frei zulassen. Die Kampagne für Saubere Kleidung begrüßt diese Einigung als einen positiven ersten Schritt, warnt aber davor, dass die Krise in Bangladeschs Textilsektor dadurch noch nicht überstanden ist.

Die Einigung zwischen IndustriALL Bangladesh Council (IBC), dem Arbeitsministerium und dem Arbeitgeberverband BGMEA kam am 23. Februar 2017 zu Stande, nachdem einige internationale Bekleidungsunternehmen ihre Teilnahme an einer Konferenz der Bekleidungsindustrie (Dhaka Apparel Summit) absagten.

Streiks für mehr Lohn: Arbeiter und Gewerkschafter verhaftet

Im vergangenen Dezember streikten in Ashulia in Bangladesh viele tausend Arbeiter für einen höheren Mindestlohn. Die Regierung von Bangladesh schlug unbarmherzig zurück: 26 Menschen sitzen seitdem in Haft, gegen 600 Arbeiter und Gewerkschafter wurden Verfahren eröffnet. 1.600 Arbeiter wurden gefeuert. Die Beschäftigten von 59 Fabriken wurden ausgesperrt - alles Maßnahmen um die Textilarbeiter und Gewerkschaften einzuschüchtern.

Mit einer online-Petition und einem Aufruf zu Protesten appelliert der Gewerkschaftsdachverband industrieALL Global (www.industrieall-union.org), sich für die Freilassung der Verfolgten einzusetzen und alle Anschuldigungen gegen sie fallen zu lassen. "Die Unterdrückung der Gewerkschaften und Arbeiter in Bangladesh ist mehr als besorgniserregend", sagt IGM-Vorstandsmitglied Wolfgang Lemb, "Regierung und Unternehmen missbrauchen die Textilstreiks zur Niederschlageung der Arbeiterbewegung in Bangladesh. Mehr noch, es ist ein eklatanter Verstoß gegen elementare Menschenrechte. Den Verbrauchern in Deutschland muss klar werden: An den billigen T-Shirts aus Bangladesh klebt das Blut der ArbeiterInnen. Die Textilen Handelskonzerne sind mitverantwortlich für die Zustände und müssen sich ihrer Verantwortung stellen.

Druck auf Dhaka

Die Löhne in der Textilindustrie von Bangladesh gehören zu den niedrigsten auf der ganzen Welt. Gleichzeitig ereignen sich dort immer wieder Unfälle mit vielen Toten und Verletzten wie bei Einsturz des Rana Plaza vor vier Jahren, als über 1100 Menschen umkamen. Mit ihrem unbarmherzigen Vorgehen gegen die Proteste im Dezember hat die Regierung von Bangladesh die Textilarbeiter massiv eingeschüchtert. Es wurden auch Gewerkschafter verhaftet, die gar nichts mit dem Streik zu tun haben. Viele halten sich immer noch versteckt, weil sie ihre Verhaftung fürchten. Den Textilgewerkschaften vor Ort sind die Hände gebunden. Viele Gewerkschaftsbüros sind verwüstet, ausgeplündert und derzeit gar nicht funktionsfähig.

Valter Sanches, der Generalsekretär von industrieALL Global Union appelliert nachdrücklich, sich für die Freilassung der Inhaftierten einzusetzen. Die Notstandsgesetze des Landes erlauben es, jemand bis zu sechs Monate ohne Anklage festzuhalten. "Wir müssen jetzt handeln", erklärte Sanches, "jeder Tag zählt. Die Niederschlagung elementarer Arbeitnehmerrechte ist unakzeptabel". Sanches forderte dazu auf, vor den ausländischen Botschaften Bangladeshs zu demonstrieren und Protestschreiben an die Regierung in Dhaka zu schicken. Sollte sich die Lage nicht auf dem Verhandlungsweg verbessern, könnte die Regierung in Dhaka durch Wirtschaftssanktionen zum Einlenken gezwungen werden. industrieALL fordert von der EU eine Untersuchung der jüngsten Vorgänge und plädiert dafür, Bangladesh die Zollfreiheit bei Textilexporten in die EU abzuerkennen, solange die Rechte der Arbeiter mit Füßen getreten werden. Das würde die Wirtschaft es Landes, das zu 80 Prozent vom Textilexport abhängig ist, empfindlich treffen. Der Haupthanelspartner von Bangladesh ist die EU.

Inhalt

Textilproduktion: Wirtschaftsmodell ohne jede Nachhaltigkeit
Höllische Arbeitsbedingungen
Mindestlöhne, die nicht zum Leben reichen
Gewerkschaften haben es schwer
Kampf um Entschädigung für die Opfer
Brandschutz- und Gebäudesicherheit verbessert
Bündnis für nachhaltige Textilien
Schluss mit Schönfärberei

Textilproduktion: Wirtschaftsmodell ohne jede Nachhaltigkeit

Hosen, Jacken, T-Shirts, Schuhe oder Kinderkleidung werden bei uns immer billiger angeboten – an anderer Stelle wird dafür ein hoher Preis bezahlt: in Bangladesch zum Beispiel. Mehr als 3 Mio NäherInnen, 80 % sind Frauen, stellen in 4000 Fabriken unsere Kleidung her, oftmals in sogenannten Exporthandelszonen, in denen Unternehmen kaum Steuern zahlen, Gewerkschafts- und Arbeitnehmerrechte eingeschränkt sind. 60 % der Exporte gehen in EU-Staaten. Die westlichen Marktriesen nutzen ihre Kaufkraft, um die Preise bei den Zulieferern immer weiter zu drücken. In Bangladesch boomt die Textilindustrie und expandiert, auch die Beschäftigtenzahlen steigen, die Einnahmen aus der Produktion aber werden immer geringer. Die heimischen Arbeitgeber verhindern ausreichende Mindestlöhne und bessere Bedingungen mit dem Argument, ein Kostenanstieg würde ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit aushöhlen. Die Leidtragenden dieses globalen Wirtschaftsmodells ohne jede Nachhaltigkeit sind die ArbeiterInnen in der Produktion, von der Wertschöpfung ihrer Arbeit bleibt nichts übrig. 

Preisaufschlüsselung eines T-Shirts

www.lohnzumleben.de

Fast unbemerkt von der westlichen Öffentlichkeit hat diese Ausbeutung funktioniert: Geiz ist eben geil und man ist ja nicht blöd. Aber dann passierten immer mehr Unglücksfälle mit Toten und Verletzten, die ein Schlaglicht auf katastrophale Arbeitsbedingungen mit fehlendem Bandschutz und Arbeitssicherheit warfen - zuletzt der Einsturz des Rana Plaza-Hochhauses in Savar, bei dem 1200 NäherInnen starben und unzählige verletzt wurden. Unter dem Titel „Made in Hell“ informierten die DGB-Frauen in der Region Schleswig-Holstein Nordwest über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion.

Höllische Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen sind in der Tat höllisch, gearbeitet wird an 7 Tagen bis in die Nacht hinein. Nur mit Überstunden kommen die NäherInnen über die Runden, 13-15 Stunden Arbeit sind üblich. Die Fabriken sind schmutzig, werden nur bei Kurzbesuchen von Einkäufern gesäubert. Der gesetzliche Schutz bei Schwangerschaft wird durch erhöhte Anforderungen unterlaufen, so dass die Frauen zur Kündigung gezwungen werden. Sexuelle Übergriffe, Schikane und Demütigung sind an der Tagesordnung. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz werden vernachlässigt, vergitterte Fenster und verschlossene Notausgänge waren die Ursache für die vielen Opfer bei den Brandkatastrophen.

Zur DGB-Dokumentation

Gewerkschaften helfen e. V 

Mindestlöhne, die nicht zum Leben reichen

Die Löhne in der Textilindustrie gehöhren zu den niedrigsten auf der ganzen Welt. Der Mindestlohn wure zuletzt vor drei Jahren erhöht und beträgt gerade einmal 63 Euro - im Monat. Außerdem wurden die Mengenvorgaben erhöht, statt 120 müssen nun beispielsweise 200 Teile genäht werden. Für die Grundbedürfnisse Nahrung, Obdach, Bekleidung, Bildung oder Gesundheitsfürsorge reicht der Lohn nicht aus und bewegt sich in Bangladesch noch unterhalb der international definierten Armutsgrenze. Die Kampagne für einen asiatischen Grundlohn (Asia Floor Wage Kampaign), ein Bündnis aus Gewerkschaften und NGOs, schlägt deshalb für die global einkaufenden Unternehmen eine regionale Tarifverhandlungsstrategie vor, um einen Wettbewerb zu vermeiden, der die unterschiedlichen Lohnniveaus der textilexportierenden Länder Asiens gegeneinander ausspielt. Dieser Mindestlohn nimmt die Lebenshaltungskosten als Grundlage und würde in Bangladesch bei 175 US-Dollar liegen. Für westliche Konsumenten würde ein existenzsichernder Lohn nur ein paar cent mehr für T-Shirts, Hosen oder Schuhe ausmachen.

 

Lohnniveau in verschiedenen Ländern

DGB

 Aktion Lohn zum Leben und Firmencheck 

Gewerkschaften haben es schwer

Gewerkschaften haben es schwer in Bangladesch, Ihr Auftrag und die tägliche Arbeit wird in dem korrupten Land unterlaufen. Wer sich organisiert fliegt raus, so einfach ist das. Zwar hat das Parlament in Bangladesch beschlossen, dass die Textilarbeiter sich künftig in unabhängigen Gewerkschaften zusammenschließen und Lohnverhandlungen führen dürfen. Damit wurde eine Regelung gekippt, wonach Arbeiter für die Gründung einer Gewerkschaft die Zustimmung des Fabrikbesitzers brauchten. Aber Kritiker werfen der Regierung vor, mit den neuen Regeln das Ausland beruhigen zu wollen und die Einhaltung nicht zu kontrollieren. Proteste oder Streikversammlungen führen immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mushrefa Mishu von der mit 90.000 Mitgliedern größten Gewerkschaft Garment Workers Unity Forum ist bis heute Repressalien, absurden Anklagen und Gefängnisstrafen ausgesetzt. 

 

Unterstützung leisten die DGB-Gewerkschaften, das TIE-Bildungswerk und industriALL , denn Unternehmensverantwortung macht nicht vor nationalen Grenzen Halt. Sie fordern Transparenz und Verantwortung für menschwürdige Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Lieferkette. Auch Betriebsräte setzen sich ein, so hatte die GBR-Vorsitzende von H&M Näherinnen aus Bangladesch zu einer Betriebsversammlung in Flensburg eingeladen und die Geschäftsleitung aufgefordert, in den ILO-Entschädigungsfonds einzuzahlen sowie dem Brandschutzabkommen beizutreten.

Die Weltreise einer Jeans

DGB

 

Kampf um Entschädigung für die Opfer

Nach den Brandkatastrophen und dem Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes wurden die VerbraucherInnen und die Öffentlichkeit hellhörig, fragten kritisch nach, verlangten Aufklärung und forderten von den Textilkonzernen, sich ihrer Verantwortung für die katastrophalen Arbeitsbedingungen zu stellen. Viele verwiesen darauf, sie hätten in Bangladesch nicht produziert, wurden aber zum Teil anhand ihrer Labels, die in den Trümmern gefunden wurden, überführt. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) der UNO, legte einen Entschädigungsfonds auf, der mit 30 Millionen Dollar gefüllt werden sollte. Zum zweiten Jahrestag des Unglücks war diese Summe endlich zusammen und die ILO konnte transparent Zahlungen für den Ausgleich von Einkommensverlusten oder die medizinische Behandlung der Opfer leisten.

Brandschutz- und Gebäudesicherheit verbessert

Nach dem Rana Plaza Unglück wurde ein Abkommen über Feuer- und Gebäudesicherheit in Bangladesch "ACCORD on fire an Buildung Safety" verhandelt. Das ist ein rechtlich verbindliches Abkommen zwischen den globalen Gewerkschaften industrieALL, Gewerkschaften aus Bangladesch und internationalen Textilmarken und umfasst ein Projekt über 5 Jahre zur Verbesserung der Sicherheit. Die Textilmarken finanzieren Inspektoren und Trainingsmaßnahmen. Diese Inspektionen haben westliche Standarads und sind unabhängig. Die Gewerkschaften sind daran zu beteiligen. Arbeiter aus Fabriken, die saniert werden müssen, bekommen ihren Lohn weiter. Jede/r darf sich weigern, in ein unsicheres Gebäude zu gehen.

Der bisherige Erfolg: 190 internationale Textilmarken haben den Accord unterzeichnet, damit gilt er in 1.600 Betrieben mit fast 2 Mio. Arbeitnehmerinnen. 1.100 Fabriken wurden bislang untersucht, über 80.000 Sicherheitsmängel wurden aufgedeckt. Aktuelle Medienberichte weise jedoch darauf hin, dass die großen Konzerne sich nicht daran beteiligen, die Mängel zu beseitigen, sondern schlicht woanders produzieren lassen.

Und: einige nordamerikanische Unternehmen sich nicht angeschlossen und eine eigene Initiative (Alliance for Bangladesh Worker Safety) gegründet, die wesentlich schwächer und intransparent kontrolliert. Somit arbeiten Hunderttausende ArbeiterInnen weiterhin unter gefährlichen Bedingungen, die Kleider für Walmart, Gap, Target, HBC sowie ihre europäischen Tochterunternehmen Asda, Galeria Kaufhof und Galeria Inno nähen.

Bündnis für nachhaltige Textilien

Nach einer Umfrage wären mehr als die Hälfte der bundesdeutschen BürgerInnen bereit, mehr für ihre Bekleidung zu zahlen, wenn dadurch die Arbeitsbedingungen entlang der globalen Produktionskette besser würden. Es fehlt aber bisher an entsprechenden Siegeln in den Kleidungsstücken, aus denen ersichtlich ist, ob soziale Standards eingehalten wurden. Um das zu ändern hat Entwicklungshilfeminister Gerd Müller ein Bündnis für nachhaltige Textilien“ initiiert.

Fast 200 große Modeketten, Textilproduzenten, Warenhäuser und Discounter sind Mitglied im Bündnis für nachhaltige Textilien. Gemeinsam mit der Bundesregierung, Gewerkschaften, Verbänden und NGO's wollen sie die Arbeits- und Produktionsbedingungen in der Textilindustrie verbessern - etwa durch die Einführung existenzsichernder Löhne, besseren Arbeitsschutz oder den Verzicht auf giftige Chemikalien. Um diese Ziele zu erreichen, hat das Bündnis verpflichtende Maßnahmen beschlossen. Jedes Mitglied startet mit einem konkreten Umsetzungsplan ins neue Jahr. Die Maßnahmen werden extern verifiziert, um die Fortschritte transparent und überprüfbar zu machen. Zu den ersten Aufgaben gehört es, die aktuellen Arbeits- und Produktionsbedingungen in den Betrieben zu ermitteln. 2018 wollen die Mitglieder berichten, inwieweit sie ihre Ziele erreicht haben. Frank Zach vom DGB-Bundesvorstand sagt: "Das Bündnis muss nun beweisen, was in ihm steckt". Es müsse nun spürbare Verbesserungen entlang der Wertschöpfungskette geben.

Schluss mit Schönfärberei

Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen – Corporate Social Responsibility (CSR) – wird zwar von einigen Firmen ernst genommen, von vielen aber nur als Schönfärberei von der Marketingabteilung betrieben. Vor allem aber ist sie ein freiwilliges Instrument der Unternehmen, das nicht wirklich auf Nachhaltigkeit überprüft werden kann. Deshalb gibt es eine Flut von Berichten, Erkenntnissen und vor allem Behauptungen, soziale Standards einzuhalten, die von den VerbraucherInnen wegen fehlender Transparenz nicht nachvollzogen werden können. So sind seit 2004 viele Unternehmen in der Business Social Compliance Initiative (BSCI) zusammen geschlossen, die einen Verhaltenskodex vorgibt, z.B. bei Arbeitszeiten, Überstunden nur freiwillig, Verbot von Lohnabzügen und Diskriminierung, Recht auf Gewerkschaftsgründung- und mitgliedschaft. Dazu werden Prüfungen und Kontrollen vorgenommen, die aber keine Auswirkungen haben. Sie verpflichten die Fabrikbesitzer keineswegs dazu, Anstrengungen zu unternehmen, die Bedingungen zu verbessern, Unterstützung der Produzenten bei der Umsetzung von sozialen Maßnahmen gibt es auch nicht. Der BSCI-Kodex verpflichtet auch nicht zur Zahlung eines existenzsichernden Lohnes.

An den menschenunwürdigen Bedingungen in der Textilproduktion in Bangladesch hat sich deshalb seit Inkrafttreten des BSCI-Kodex von 2004 nichts geändert - sie sind nicht mehr als Schönfärberei. Wir brauchen von der EU und dem deutschen Gesetzgeber verbindliche Regeln

Mehr dazu bei: cora-netz. Die Textil-Unternehmen müssen ihre Verantwortung für Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Lieferkette wahrnehmen. Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Unglück und Tod durch fehlende Gebäudesicherheit oder Chemikalien müssen aufhören.

Wir wollen, dass unsere Kleidung „Made in Würde“ produziert wird.


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