Deutscher Gewerkschaftsbund

21.04.2015

Gemeinsamer Workshop von DGB und LO

Deutsch-Dänische Arbeitskosten im Vergleich: Ingenieure verdienen ähnlich, Schlachter in Deutschland dramatisch weniger

16. April 2015

Über die unterschiedlichen Sozialsysteme und Arbeitskosten wird in der deutsch-dänischen Grenzregion viel diskutiert. Insbesondere bei Schlachtereien und in der Logistik gilt Deutschland aus dänischer Sicht als Niedriglohnland. Mit dieser Begründung üben dänische Arbeitgeber Druck auf die Gewerkschaften aus, entweder die Löhne zu senken oder Standorte zu verlagern. Ein wichtiges Thema, das Betriebsräte und Gewerkschafter beim grenzüberschreitenden Workshop von DGB Schleswig-Holstein Nordwest und LO Sønderjylland zu beraten hatten.

„Vereinfachte Aussagen beim Vergleich der deutsch-dänischen Arbeitskosten sind selten richtig“, erläuterte Peter Hansen, Chef des Regionskontors Sønderjylland-Schleswig vor den 80 TeilnehmerInnen in Padborg. Das allseitige Interesse sei zwar groß, aber die vorhandene Datenlage ziemlich dürftig. Außerdem gäbe es strukturelle Unterschiede in beiden Ländern, die schwer quantifizierbar sind, aber dennoch in Arbeitskosten mit einfließen. Dazu gehören zum Beispiel unterschiedliche Regelungen bei Urlaub, Lohnfortzahlung, Kündigungs- und Insolvenzschutz. In Dänemark gibt es keinen gesetzlichen Mindestlohn – 14 € in der Stunde gelten als Billiglohn – und Minijobs sind dort gänzlich unbekannt.

Die Rechenbeispiele zu erarbeiten war aus all diesen Gründen zeitaufwändiger als gedacht. Im Ergebnis stellte Peter Hansen aber fest, dass sich die Abgabenbelastung in beiden Ländern mit steigender Qualifikation der Arbeitnehmer annähert. Je niedriger die formelle Qualifikation jedoch ist, umso weiter spreizen sich die Löhne.

So zeigt der Vergleich, dass einem dänischen Ingenieur bei einem Bruttolohn von 5.013 € netto 3.145 € bleiben. Bei einem Gehalt von 4.199 € brutto in Deutschland bleiben netto 2.514 € übrig. Ganz anders sieht es bei gelernten Zerlegern/Schlachtern aus. Schon der Bruttolohn ist mit 3.879 € in Dänemark nahezu doppelt so hoch wie in Deutschland, davon

bleiben 2.475 € netto übrig, ein deutscher Kollege bringt mit 1.913 € brutto und 1.323 € netto nur knapp die Hälfte Lohn nach Hause.

Ähnlich deutliche Unterschiede gibt es bei LKW-Fahrern und Küchenhilfen. Sie verdienen in Dänemark viel besser als die Beschäftigten in Deutschland. „Dabei gilt zu berücksichtigen, dass der Mehrwertsteuersatz in Dänemark 25 % beträgt und die Lebenshaltungskosten insgesamt höher sind“, betont Peter Hansen. Ein Problem beim Lohnkostenvergleich ist allerdings, dass er sich auf Tarifverträge bezieht, aber nur die wenigsten Schlachter in Deutschland nach Tarif bezahlt werden. Für sie ist der seit Januar gültige branchenspezifische Mindestlohn von 8 € brutto pro Stunde schon ein deutliches Lohnplus, wie Finn Petersen, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG im Norden betont. Das ist aber faktisch nur rund ein Drittel dessen, was in Dänemark verdient wird. Tim Jensen von der zuständigen dänischen Gewerkschaft NNF schildert die Auswirkungen: „Wir haben in Dänemark in den letzten 10 Jahren rund 15.000 Arbeitsplätze in den Schlachtereien verloren. Und der Trend hält weiter an“.

Mit dem Arbeitskostenvergleich haben DGB und LO ein wichtiges Thema angestoßen, an dem das Regionskontor weiter dranbleiben will, weil es immer wieder Nachfragen dazu gibt. Die Gewerkschaften versprachen ihre Unterstützung für eine tiefergehende Datensammlung für wichtige Berufsgruppen und real gezahlte Löhne in der Grenzregion.

Für Susanne Uhl vom DGB Schleswig-Holstein Nordwest und Jan Thomsen von der LO Sønderjylland sind die jährlichen Gewerkschafter-Treffen in Padborg von besonderer Bedeutung. „Neben dem Austausch über zentrale Reformvorhaben auf den jeweiligen Arbeitsmärkten wird die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im alltäglichen Miteinander immer konkreter.“ Die Erfahrung zeigt, dass Arbeitgeber aus Dänemark, die Tochterunternehmen in Deutschland haben, aufgeschlossener Probleme angehen, wenn sie von dänischen Kollegen vorgetragen werden – und umgekehrt.

Für den deutschen Arbeitsmarkt im Norden sind nach Auffassung von Susanne Uhl bessere staatliche Kontrollen, besonders bei Löhnen und Arbeitszeiten erforderlich. „Viele Probleme haben damit zu tun, dass Gesetze nicht eingehalten werden und dies von Zoll oder Arbeitsschutzbehörden nicht geahndet wird.“ Ohne die Einhaltung von deutschen Mindeststandards werde sich der Druck auf die dänischen Kollegen jedoch verschärfen und dem Missbrauch wird Tür und Tor geöffnet. Susanne Uhl hat dabei auch Arbeitgeber in Deutschland im Blick, die sich weigern, Arbeitszeiten im Zusammenhang mit dem Mindestlohn zu dokumentieren.

Weitere Themen des ganztägigen Workshops waren die ersten Erfahrungen mit dem gesetzlichen Mindestlohn aus deutscher Sicht und die von einigen Gewerkschaftern geforderte Diskussion über die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen, um das dänische Tarifsystem zu stabilisieren. Diskutiert wurden auch die arbeitsmarktpolitischen Reformen der deutschen Bundesregierung und gewerkschaftspolitische Forderungen an die Parteien im dänischen Wahlkampf.


Nach oben
21.04.2015

Gemeinsamer Workshop DGB und LO

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph

ph


Nach oben

Zuletzt besuchte Seiten