Deutscher Gewerkschaftsbund

22.03.2017

Lkw-Fahrer: Alltag auf 5m² und tristen Parkplätzen

 Könige der Landstraße - schön wär’s! Lkw-Fahrer sitzen heute nicht selten 60-70 Wochenstunden für knapp 2.000 Euro brutto hinterm Lenkrad, Überstunden inklusive. Rasthöfe sind meist überfüllt, so dass die Fahrer ihre Ruhezeiten in tristen Gewerbegebieten oder auf Parkplätzen verbringen. Dort gibt es weder sanitäre Einrichtungen noch Gaststätten für einen Kaffee oder ein warmes Mittagessen. „Keineswegs royale Bedingungen für einen schweren und verantwortungsvollen Job“, sagten Matthias Pietsch vom ver.di-Fachbereich Logistik und Jørgen Christensen von der dänischen Gewerkschaft 3F im Rahmen einer DGB-Veranstaltung in Flensburg.

Die beiden Gewerkschafter arbeiten schon länger zusammen, weil die Probleme der Lkw-Branche in der deutsch-dänischen Grenzregion besonders auffallen. So haben dänische Logistikfirmen in Flensburg und Handewitt Briefkastenfirmen gegründet, um die Tarifbindung, die in Dänemark bei fast 85 Prozent liegt, zu unterlaufen. „Hier sitzt nur ein Mitarbeiter und macht die Buchhaltung. Rund 8000 Arbeitsplätze sind durch Auslagern bei uns verloren gegangen“, kritisiert Jørgen Christensen von 3F. Er macht sich deshalb mit seinem deutschen Kollegen Matthias Pietsch dafür stark, die Bedingungen für eine Firmenniederlassung im EU-Ausland zu verschärfen. „Für einen Betriebssitz sollten tatsächliche operative Tätigkeiten ausgeübt werden und betriebliche Infrastruktur vorhanden sein“, fordert auch der der Flensburger DGB-Vorsitzende Joachim Sopha.

Eigentlich müssen alle Speditionen ihren Fahrern den deutschen Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde zahlen, wenn diese auf deutschen Straßen unterwegs sind. Verstöße werden in der Regel mit saftigen Geldstrafen geahndet. „Für den Transitverkehr wurden die Kontrollen jedoch ausgesetzt. Das ist besonders perfide, weil hier Fahrer extrem schlecht bezahlt werden“, beanstandet Matthias Pietsch.

Viele Lkw-Fahrer sind über Monate auf den Straßen unterwegs, weil sie immer wieder aufAnschlussfrachten warten. „Ihr Alltag findet dann in der knapp 5 m² kleinen Fahrerkabine statt und in den Fahrverbotszeiten Sonnabend 13 Uhr bis Sonntag 22 Uhr auf Parkplätzen wie dem an der Grenze in Padborg“, sagt Matthias Pietsch. Er sieht die Unternehmen in der Pflicht, für geregelte Unterkünfte zu sorgen. Die vorgesehenen 45 Stunden Wochenfreizeit dürften die Fahrer keineswegs in ihren Lkws verbringen, sondern zuhause bei ihren Familien. In Frankreich und Belgien ist das bereits Vorschrift. Deutschland hat mit neun weiteren EU-Staaten die „Road Alliance“ gegründet, um Lohndumping, Wettbewerbs-verzerrungen und Sicherheitsprobleme auf den Straßen zu bekämpfen. „Ein erster Schritt, um die Wild-West-Manieren in der Logistik aufzubrechen“, finden Jørgen Christensen und Matthias Pietsch. Die Branche hat ein schlechtes Image, es fehlen in Europa bereits 55.000 Fahrer: „Das ändert sich nur mit besseren Arbeitsbedingungen Tarifverträgen und sozialen Standards, die auch eingehalten werden“.

Die Gewerkschaft ver.di und der DGB-Stadtverband wollen in den nächsten Wochen auf den umliegenden Parkplätzen aktiv werden und die Lkw-Fahrer informieren. Unterstützt werden sie dabei von den MitarbeiterInnen des Projekts „Faire Mobilität“, das mobile Arbeitnehmer aus Mittel- und Osteuropa in den Landessprachen berät.

 

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von links: Adrian Stoica von der Beratungsstelle Arbeitnehmerfreizügigkeit, Helga Zichner, Faire Mobilität, Joergen Christensen, 3F, Borislava Najil, Beratungsstelle Arbeitnehmerfreizügigkeit, Susanne Uhl, DGB, Ida Mikolajczak, Faire Mobilität und Matthias Pietsch, ver.di. dgb


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