Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 9 - 19.02.2018
Kirche und Gewerkschaften wollen Dialog mit politik und Gesellschaft

Schlachthöfe in der Kritik

 

Immer wieder stehen die großen Schlachtkonzerne in der Kritik: Danish Crown, Vion, Tönnies. Sie haben über die Jahre ihre Stammbelegschaften abgebaut und kaufen über Subunternehmen Arbeitsleistungen in der Schlachtung, Zerlegung und Verpackung ein, die von osteuropäischen, meist rumänischen Wanderarbeitern erbracht werden. „Die Bedingungen sind hart und nicht immer gesetzeskonform“, stellt Helga Zichner von der Beratungsstelle „Faire Mobilität“ fest. Es fehlen oft Arbeitsverträge und Lohnabrechnungen, es gibt keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Heuern und Feuern sei an der Tagesordnung. Auch bei der Unterbringung gäbe es Probleme. „Bis zu 30 Leute wohnen in einem Haus mit nur zwei Toiletten und Duschen, Heizung und Warmwasser sind nicht immer verfügbar, aber dafür werden bis zu 250 Euro vom Lohn abgezogen“, berichtet Helga Zichner. Die großen Fleischkonzerne hätten sich zur Einhaltung sozialer Standards verpflichtet, darauf wies Dr. Uwe Teuchert vom Arbeitgeberverband der Ernährungsindustrie hin. „Auf die Subunternehmen haben wir aber keinen Einfluss“.

Solche Lebens- und Arbeitsbedingungen könne man in unserem Land nicht dulden waren sich die Veranstalter einer ersten Schlachthofkonferenz im Breklumer Christan-Jensen-Kolleg (CFK) einig. Kolping Husum, DGB, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt, Katholische Gemeinde Itzehoe und das CFK stellten zunächst Zahlen und Entwicklungsdaten zur Ökonomie der Schlachtindustrie vor. Und die machten deutlich, dass es auch zu Umbrüchen im dänischen Nachbarland und dem Fleischerhandwerk gekommen ist. Nach Angaben Jim Jensens von der dänischen Gewerkschaft 3f nimmt die Schlachtkapazität in seinem Land rapide ab und damit auch die Zahl der Arbeitsplätze: „13.700 Beschäftigte gab es im Jahr 2000, nur noch 6.450 waren es 2016“.

Ähnlich dramatisch sieht es auch im Fleischerhandwerk aus. „Der Strukturwandel geht auf unsere Kosten, wir bezahlen unsere Leute gut und sie sind dauerhaft angestellt“, erklärt Dr. Joachim Drescher, Geschäftsführer des Fleischer-Verbandes. Er kritisiert, dass das Handwerk zum Beispiel mit der EEG-Umlage belastet wird, die Schlachtindustrie aber nicht. Denn Personal werde dort wegen der Vergabe an Subunternehmen als Sachkosten abgesetzt. „Das sind keine fairen Wettbewerbsbedingungen, so dass die Branche jedes Jahr um rund vier Prozent schrumpft – mit negativen Auswirkungen auf die ländliche Infrastruktur“, sagt Drescher und fragt, wer denn in Zukunft geringe Schlachtmengen erbringen oder Ausbildung gewährleisten solle.

Hier ist die Politik gefragt und die Landtagsabgeordneten Kirsten Eickhoff-Weber, SPD, Heiner Rickers, CDU, Bernd Voß, B‘90/Die Grünen, Kay Richert, FDP und Fleming Meyer, SSW, nehmen ihre Verantwortung auch wahr. Sie haben die Beratungsstellen zur fairen Mobilität im Haushalt bis 2020 finanziell abgesichert. Man müsse sich aber stärker um Integration und Spracherwerb kümmern, damit die osteueropäischen Wanderarbeiter sich auch auf andere Arbeit bewerben können. Neue Gesetze brauche es nicht, waren sich alle Politiker einig, aber Defizite bei der Kontrolle gäbe es schon, insbesondere bei den Unterkünften. „Das Landesamt für Arbeitsschutz hat seit Jahren keine Überprüfung der Standards in den Wohnunterkünften durchgeführt. Das geht gar nicht“, mahnt Susanne Uhl vom DGB Schleswig-Holstein Nordwest. Innerhalb Europas habe Deutschland unter den Wanderarbeitern mittlerweile den schlechtesten Ruf.

Um die Probleme der Arbeitsbedingungen, der Unterkünfte, der Kontrolle, der Integration, aber auch mit dem Strukturwandel im Handwerk zu klären und Lösungen zu finden, schlagen die Veranstalter einen Branchendialog mit den Beteiligten sowie Vertretern von Land und Kommunen vor. Beim Arbeitgeberverband gibt es dafür Bereitschaft, bei der Politik, bis auf die FDP, auch. „Wir müssen die Auseinandersetzung zu diesem brisanten Thema führen, ohne Scheuklappen hinsehen und nachhaltiges Handeln einfordern“, betonte Martin Kayenburg von der katholischen Gemeinde St. Ansgar und Landtagspräsident a.D. Kirche und Gewerkschaften wollen den Dialog mit Politik und Gesellschaft weiterführen.

 

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Im Dialog mit der Politik: Bernd Voß, Grüne, Heiner Rickerts, CDU, Kay Richert, FDP, Fleming Meyer, SSW, Kirsten Eickhoff-Weber, SPD ph

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Helga Zichner von der Beratungsstelle "Faire Mobilität" beim Vortrag ph

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Dr. Uwe Teuchert vom Arbeitgeberverband, Finn Petersen, NGG und Helga Zichner diskutieren. ph


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