Deutscher Gewerkschaftsbund

10.09.2015

Flensburg hilft Flüchtlingen

Hunderte Flüchtlinge, die nach Skandinavien weiterrreisen wollten, waren in Flensburg gestrandet, weil die dänische Bahn den Zugverkehr gestoppt hatte. Viele von ihnen machen einen erschöpften Eindruck. Diese Nachricht, die sich über Freundeskreise und soziale Netzwerke schnell verbreitete, löste bei vielen Flensburger Bürgerinnen und Bürger eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. In kurzer Zeit waren Helferinnen und Helfer vor Ort, um Unterstützung zu leisten. Für die dänische Regierung hat keine der HelferInnen Verständnis. "Humanitäre Hilfe für Menschen in Not darf kein europäischer Staat verweigern", ist die einhellige Auffassung. Mittlerweile wurde die Blockadepolitik aufgegeben, viele Menschen haben die Reise durch Dänemark fortgesetzt oder sich auf den Weg zu Fährverbindungen gemacht. Aber mit jedem Zug kommen neue Flüchtlinge an.

Es ist einfach irre und großartig, wie die Flüchtlinge im Bahnhof Flensburg versorgt worden sind. Unglaublich, was an Lebensmitteln, Bekleidung, Babysachen, Decken, Schlafsäcken den ganzen Tag abgegeben wurde. Und wieviele helfende Hände da waren! Am Mittwoch war es das reine Chaos - am Donnerstag wird das Chaos schon organisiert. Tische und Bänke werden angeliefert, die als Tresen für die Lebensmittelausgabe dienen. Überall wird sortiert und gestapelt, der Müll entsorgt, sauber gemacht, Bekleidung und Windeln nach Größen geordnet, Decken und Schlafsäcke zusammen gelegt, die Bahn hat dafür einen Lagerraum geöffnet. Über facebook verbreitet sich schnell, was gebraucht wird und was im Moment nicht so dringlich ist. Stilles Wasser ist besser als mit Kohlensäure, Tee wird mehr getrunken als Kaffee, Bananen gehen besser als Äpfel. Und wenn die Züge ankommen, werden die Frauen, Männer und Kinder freundlich mit allem Nötigen versorgt.

Es gibt nur eine Kabeltrommel für die Stromversorgung - die wird von den Flüchtlingen für das Aufladen ihrer Handys ausgiebig genutzt. Sind dann auch noch Wasserkocher und Kaffeemaschine angeschlossen, fliegt die Sicherung raus. Das beunruhigt die Bahnsicherheit. Ansonsten sind offizielle Stellen nicht beunruhigt - sie kommen erst gar nicht. Simone Lange ist die ganze Zeit da und regelt mit den Leuten von der Flüchtlingshilfe alles: vom TBZ-Saubermachdienst bis zur Betreuung minderjähriger Syrer. Das machen die ziemlich cool und unaufgeregt, sie kümmern sich auch darum, dass die HelferInnen mal Pause machen.

SchülerInnen kommen am Nachmittag, sie wollten eigentlich in ihrer Schulzeit helfen. Das ging nicht so einfach, aber stattdessen gab es eine Lehrstunde über Flucht und Fluchtursachen. Der Oberbürgermeister schaut vorbei, spricht mit der Polizei und in eine Kamera, aber mit keiner Helferin und keinem Helfer. Dafür wird Heinz-Werner Jezewski von der Linken in der Ratsversammlung am gleichen Tag seinen Rücktritt fordern. Einige KommunalpolitikerInnen kommen, Kulturministerin Anke Spoorendonk, SSW, bleibt fast zwei Stunden und gibt Käsebrötchen für die Helfer aus, Rasmus Andresen von den Grünen ist da. Die Ausländerbehörde der Stadt wurde umorganisiert, sie heißt jetzt Immigration Office und kommt aus dem Keller in die erste Etage. Flensburg will eine bessere Willkommenskultur.

Die Polizei ist freundlich und kommunikativ, kein Flüchtling wird registriert, Infos werden ausgetauscht - niemand weiß genau, wieviele Menschen in den Zügen aus Kiel und Hamburg sitzen, und ob sie eine Betreuung, in welcher Form auch immer, brauchen. Über Netzwerke ist auch in Kopenhagen schon für Unterstützung gesorgt: HelferInnen stehen dort am Bahnhof bereit, sie haben Spenden gesammelt, um die Fahrkarten für die Weiterfahrt in skandinavische Länder kaufen zu können.

Gegen Abend werden die HelferInnen nicht weniger, sondern immer mehr. Einige haben am nächsten Tag frei und sind für eine lange Nacht am Bahnhof bereit. Ein Aufkleber macht die Runde: Moin, Refugees welcome! steht da drauf. Flensburg zeigt sich in diesen Tagen von seiner besten Seite 

 

 

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