Deutscher Gewerkschaftsbund

29.06.2015

Prävention gegen rechts

Kontroverse und offene Debatte gehören zur Schulkultur

Rechtsextreme Parteien und Verbindungen kommen heute nicht mehr mit dumpfer Deutschtümelei daher, sie haben ihre Strukturen modernisiert. „Die bieten vielen Jugendlichen eine Erlebniswelt“, stellt Dr. Gudrun Heinrich von der Universität Rostock in einer DGB-Veranstaltung in Flensburg fest. Heinrich bildet Studierende für das Lehramt aus und beschäftigt sich mit der Vermittlung von Demokratiepädagogik und Extremismusprävention. „Welche Rolle hat die Schule eigentlich in dieser Debatte und was ist neben der reinen Wissensvermittlung im Unterricht überhaupt noch möglich“ das wollten nicht nur DGB-Geschäftsführerin Susanne Uhl, sondern auch zahlreiche TeilnehmerInnen wissen.

Nach Auffassung von Dr. Gudrun Heinrich ist das in der Tat eine Herausforderung, denn Schule ist für die politische Sozialisation von Jugendlichen von großer Bedeutung. Das Elternhaus spielt eine Rolle, noch wichtiger ist der Freundeskreis. Denn in sogenannten „Peer-Groups“ üben Gleichaltrige soziales Verhalten, testen Grenzen aus, um sich von den Eltern zu emanzipieren. Was da angesagt oder „cool“ ist, hat einen hohen Stellenwert. „Auch wenn rechtsextreme Einstellungen heute weniger cool sind und das allgemeine Interesse an Politik leicht zugenommen hat, bleibt die Auseinandersetzung eine Daueraufgabe“, fordert Gudrun Heinrich. Sie rät aber zu einem gelassenen und unaufgeregten Umgang mit dem Thema.

Schule ist für Gudrun Heinrich der Ort, an dem positive Erfahrungen mit Integration gemacht werden könne, sie ist Lernort für Demokratie und der Begegnung mit Politik. Dabei erwarten SchülerInnen, dass man ihre Interessen ernst nimmt und eine kontroverse Debatte führt, bei der Positionen nicht feststehen, sondern hinterfragt werden müssen. „Der Streit und die Auseinandersetzung gehören zu einer vitalen Demokratie, sie stärken auch die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können“, sagt Heinrich. Und: so einfach geht Prävention, wenn Kontroverse und offene politische Diskussion alltäglicher Bestandteil der Schulkultur sind. Denn wer es lernt, sich auseinanderzusetzen, Kontroversen und Widersprüche aushält, ist auch besser gerüstet, rechtsextremer Erlebsniswelt nicht auf den Leim zu gehen.

Aber diesem Idealfall stehen überlastete LehrerInnen gegenüber, die die vollgestopften Lehrpläne abarbeiten müssen und denen ständig neue Lernziele verordnet werden. „In den Rahmenplänen müssen die Methoden und Vorgaben geändert und entschlackt werden, der Druck auf Schule muss nachlassen, die Arbeitszeit anders bemessen werden“, fordert Heinrich. Ständige Fortbildung der LehrerInnen – nicht in der Freizeit – gehöre ebenfalls dazu. „Erleben, was Demokratie heißt – das kann Schule leisten. Dafür muss sie Experimente und Fehler machen dürfen, ohne dass gleich ein Shitstorm der Empörung ausbricht“, mahnt Gudrun Heinrich. Beispiele, wie dadurch kreative Ideen und Impulse niedergemacht wurden, gäbe es leider genug.


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