Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 28.08.2018

1968: der „Prager Frühling“ DGB erinnert an den Reformprozess in der Tschechoslowakei

Über „die 68er“ wird in diesem Jahr viel geschrieben und an aufmüpfige Studenten in aller Welt erinnert, die gegen autoritäre Strukturen und für mehr Demokratie auf die Straße gingen. Ziemlich in Vergessenheit geraten ist dabei der „Prager Frühling“ in der damaligen Tschechoslowakei, der diese Aufbruchstimmung in eine Reformbewegung umwandelte. Diese wurde allerdings im August 1968 – vor fünfzig Jahren – vom Einmarsch der Panzer des Warschauer Paktes brutal gestoppt.

Ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz sollte es werden – mit Alexander Dubcek an der Spitze der kommunistischen Partei. “Er setzte nicht nur Untersuchungen über die Gräueltaten der stalinistischen Säuberungen  in den fünfziger Jahren und diesbezügliche weitreichenden Rehabilitierungen in Gang, er lockerte auch sehr schnell die Pressezensur“, beschreibt Andreas Bachmann, der für die Kurt und Herma Römer-Stiftung die eine Tagung zum Prager Frühling kuratiert hat und auf Einladung des DGB Schleswig-Holstein Nordwest ins Flensburger Gewerkschaftshaus gekommen war.

Der Reformprozess wurde von der der gesamten Bevölkerung mitgetragen, über 90 Prozent Zustimmung ergaben Meinungsumfragen. Die Tschechoslowakei im Frühling 1968 war eine sozialistische Gesellschaft im Aufbruch, in der sich Literaten, Wissenschaftler, Ökonomen, viele Bürgerinnen und Bürger an der Diskussion um die Zukunft der Gesellschaft,  den technischen Fortschritt und die Aufarbeitung des Stalinismus in der CSSR beteiligten. Anders als es von den Gegnern des Prager Frühlings kolportiert wurde, waren in Prag auch die Arbeiterinnen und Arbeiter und die Gewerkschaften dabei. „Das gesellschaftliche Eigentum wurde nicht in Frage gestellt, aber Mitbestimmung und Beteiligung der Beschäftigten, Selbstverwaltung und Kontrolle gegenüber dem sozialistischen Management eingefordert“, so Bachmann.

Ein erstes Aktionsprogramm wurde aufgelegt, das Wirtschaftsreformen und mehr Bürgerrechte, Meinungs- und Pressefreiheit vorsah. Die Rolle der kommunistischen Partei sollte nicht mehr über Dominanz und politische Monopolstellung vermittelt sein, sondern sie sollte den Reformprozess moderieren. „Das jedoch war in den Augen der sozialistischen Bruderstaaten – besonders der  Sowjetunion aber auch der DDR und Polen – die Ansage zur Konterrevolution und sollte militärisch gestoppt werden“, erläutert Bachmann. So kam es dann auch. Die Panzer marschierten ein und beendeten das tschechische Experiment, Dubcek und seine Mitstreiter wurden verschleppt, verhaftet und wurden gezwungen das Reformprojekt zurückzunehmen. Eine bleierne Zeit begann. Aber der kommunistische Machtblock kam nie mehr ganz zur Ruhe, die Bürgerrechtsbewegung  nahm mit der Charta 77 einen neuen Anlauf für Meinungsfreiheit und Demokratie. Die Reformkommunisten des Prager Frühlings waren als Personen Teil dieser neuen Bewegung.

Was ist am „Prager Frühling“ heute noch aktuell? „Die Frage nach der Wirtschaftsdemokratie, die ja mehr bedeutet als Betriebsräte zu wählen, ist nach wie vor auch bei uns auf der Tagesordnung. Auch bei uns fehlt es in vielen Betrieben an menschlichem Antlitz“, sagt Susanne Uhl, Geschäftsführerin des DGB Nordwest.


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