Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 14.06.2018

Schlachthof-Veranstaltung in Kellinghusen: „Nicht hinnehmen, dass Menschenrechte verletzt werden“

Rappelvoll war der Saal des Bürgerhauses in Kellinghusen. 120 Bürgerinnen und Bürger waren gekommen, um sich die Arbeits- und Lebensbedingungen auf dem Schlachthof zu informieren. Und die sorgten für Empörung: So wurde von Kakerlaken in Badestuben und Schlafzimmern berichtet, von sechs Betten auf 24 qm, die dann noch pro Bett 200 Euro Miete kosten. Teilweise würden 16-Stunden am Tag gearbeitet und bei Krankheit zusätzliche Kosten für die Unterkünfte in Rechnung gestellt. Es seien auch Fälle bekannt, in denen Vorarbeiter Beschäftigte geprügelt hätten. Ein desaströses Bild der Gesamtsituation entstand. „Das geht uns alle an, wir wollen nicht hinnehmen, dass Menschenrechte verletzt werden“, war die einhellige Meinung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Sie waren – wie Stadtvertreter und Kreistagsabgeordnete - der Einladung von DGB Schleswig-Holstein Nordwest, Gewerkschaft NGG, dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, der katholischen Gemeinde St. Ansgar, dem Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf und dem Christian-Jensen-Kollegs gefolgt. Die Institutionen setzen sich schon seit längerem gemeinsam für bessere Bedingungen der meist rumänischen Arbeitnehmer in Werkverträgen von Subunternehmern ein. Denn der Schlachthofbetreiber schlachtet und zerlegt nicht mehr selbst, sondern vergibt die meisten Arbeiten an Dienstleister, Stammbeschäftigte gibt es kaum noch. Auch in Kellinghusen.

Bürgervorsteher Malte Wicke hatte sich in seinem Grußwort zum Schlachthof bekannt, „mit allen Vor- und Nachteilen“. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass Arbeitnehmer egal woher sie kommen, so schlecht behandelt werden, wie sich das derzeit darstelle. Die Stadt habe auch schon versucht, das Thema auf Landesebene zu bewegen, leider mit wenig Rückmeldung. „Wir haben Ordnungs- und Sozialamt sowie den Kreis eingeschaltet“, sagt Bürgermeister Axel Pietsch. Martin Kayenburg appellierte, nicht die Falschen verantwortlich zu machen, für ihn stehe in erster Linie das Unternehmen Tönnies in der Pflicht. „Unternehmensvertreter waren eingeladen, haben aber abgesagt“, erklärt Susanne Uhl vom DGB, die auch den Abend moderierte.

2015 hat sich die Fleischbranche in einer Selbstverpflichtung dazu bekannt, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Sie haben auch die Arbeitsverträge der Werkvertrags-Arbeitnehmer auf in Deutschland gemeldete, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgestellt. „Aber leider hat das an den konkreten Arbeitsbedingungen für die Menschen nichts geändert“, erklärt Dominik John von der Beratungsstelle „Faire Mobilität“. Die Menge der Schlachtungen habe sich seit 1995 verdoppelt, die Zahl der Beschäftigten sei gleichgeblieben. „Der Arbeitsdruck ist gestiegen und die Arbeitszeiten wurden ausgeweitet“, sagt John. Nach seiner Meinung werden die Arbeitnehmer in Werkverträgen verschlissen. „Sie werden einfach aussortiert und ausgetauscht, wenn sie die Leistung nicht mehr schaffen oder krank werden“.

Norbert Wagner, DGB-Vorsitzender im Kreis Steinburg, und seine Frau Lucia, eine gebürtige Rumänin, bestätigen die harten Arbeitsbedingungen. „Erst gestern kamen sechs junge Rumänen zu uns, die 16 Stunden am Tag arbeiten mussten. Die konnten einfach nicht mehr“. Die beiden kümmern sich seit Jahren um die rumänischen Arbeitnehmer. Die Fluktuation sei hoch: Heuern und Feuern an der Tagesordnung. „Der Ton ist rau und Schläge von Vorarbeitern sind auch schon vorgekommen.“ Die Unterbringung sei schlecht, berichtet Helga Zichner von „Faire Mobilität“. Ein Arbeitnehmer, der aus Niedersachsen nach Kellinghusen versetzt worden sei, wäre am gleichen Tag wieder abgereist, weil Kakerlaken in der der Wohnung waren.

Fotos von Unterkünften in Kellinghusen dokumentierten die Zustände. Und auch Antje Halbritter vom neu gegründeten Stützkreis berichtet Erschreckendes vom Besuch dort: „Da hängen Kabel und alte Stromleitungen aus der Wand, die Toilettenspülung ist kaputt, es fehlen Stufen in der Treppe. Die Leute müssen sich ein Zimmer mit mehreren anderen teilen und haben nach der harten Arbeit nicht einmal Privatsphäre.“

Zu diesen Vorwürfen nahm Martin Dethlefsen, der Vermieter einiger Unterkünfte in Kellinghusen direkt Stellung: Er vermiete Häuser an die Subunternehmer. In den Mietverträgen sei vereinbart, bestimmte Standards einzuhalten. Er verfolge aber auch nicht weiter, was passiert. „Würden Sie wollen, dass ihr Vermieter andauernd ihre Wohnung kontrolliert?“ Susanne Uhl schlug vor, die Häuser und Wohnungen gemeinsam mit dem Landesamt für Arbeitsschutz zu begehen. „Denn es gibt klare Standards für Unterkünfte. Die werden in keinem der Häuser eingehalten. Der Arbeitsschutz ist für die Kontrollen zuständig und hat auch die Instrumente die Standards durchzusetzen.“

Das Fazit dieses denkbaren Abends in Kellinghusen: bürgerschaftliches Engagement hat Erfolg. Der stellvertretende Kreispräsident Volker Susemihl will zum Thema Schlachthof eine aktuelle Stunde im Kreistag anberaumen. „Ich bin wirklich erschrocken über die Zustände“. Und der Stützkreis will weiter arbeiten, auch um zu prüfen, wie die Kontrolle besser organisiert werden kann. Nächstes Treffen ist am 28. Juni 2018.

ph

v.l.: Dominique John, Faire Mobilität, Norbert Wagner, Vors. DGB Kreisverband, Helga Zichner, Faire Mobilität, Anja Halbritter, Stützkreis, Susanne Uhl, DGB-Regionsgeschäftsführerin ph


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