Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 20.05.2020
Böklund, Satrup, Husum, Kellinghusen

Appell von Kirchen und Gewerkschaften im Norden: Endlich handeln!

DGB

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An vier Standorten der Fleischindustrie in Schleswig-Holstein haben VertreterInnen von Kirchen und Gewerkschaften Beschäftigte in mehreren Sprachen darüber informiert, welche Schutzmaßnahmen im Betrieb nötig sind, um das Risiko an Covid-19 zu erkranken möglichst gering zu halten. Auch ging es mit Blick auf die aktuellen Debatten in Bund und Land um den Appell, endlich zu nachhaltigen Verbesserungen von Arbeits- und Wohnbedingungen zu kommen.

„Gesundheit geht vor wirtschaftlichen Interessen“ war die Botschaft der Bündnispartner*, die schon seit mehr als zwei Jahren immer wieder gemeinsam auf unzumutbare Wohn- und Arbeitssituationen von vorwiegend osteuropäischen Werkvertragsbeschäftigten hinweisen und Verbesserungen fordern.

„Heute geht es uns insbesondere um den Arbeitsschutz der Beschäftigten. Die letzten Wochen haben gezeigt, wie schonungslos das Corona-Virus die jahrelangen Versäumnisse frei gelegt hat,“ sagt Heike Riemann vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der Nordkirche und berichtet von zu langen Arbeitszeiten, zu wenig Pausen, schlechter Bezahlung und miesen Unterkünften mit viel zu hohen Mieten.

Susanne Uhl, Geschäftsführerin des DGB in Schleswig-Holstein Nordwest weist darauf hin, dass die Arbeitsplätze von 25.000 Beschäftigten in Schleswig-Holstein im Schnitt von nur einem Arbeitsschützer kontrolliert werden. „Das ist fahrlässig“ sagt Uhl und fordert von der Landesregierung eine schnelle und massive Personalaufstockung. „Wenn In der Fleischindustrie Regeln und Gesetze nicht eingehalten werden, weil sich Subunternehmen und Schlachthofbetreiber sicher sein können, dass ohnehin niemand kontrolliert, nennt man das an anderen Orten Regulierungsoase“, so Uhl.

Helga Zichner von der Beratungsstelle Faire Mobilität weiß von den Sorgen der vorwiegend rumänischen Beschäftigten. „Wir bekommen viele Anfragen, die Quarantänemaßnahmen betreffen. Die KollegInnen sorgen sich zum Beispiel um ihre Löhne, da sie keine von ihren Vorarbeitern unabhängigen muttersprachlichen Informationen bekommen. Lohnfortzahlung bei Krankheit und im Falle von amtlich angeordneter Quarantäne kennen viele nicht.“ Zichner berät auf Rumänisch und ist in die überregionale Hotline von Faire Mobilität eingebunden.

Lisa Vordermeier-Weinstein von der Gewerkschaft NGG im Norden hat die verbliebenen Stammbeschäftigten in den Schlachthöfen und in der Fleischfeinverarbeitung im Blick: „ Die KollegInnen müssen seit Jahren mit ansehen, wie die Kernbelegschaften geschrumpft werden und immer mehr Werkverträge in die Unternehmen einziehen. Das verunsichert“, sagt Vordermeier-Weinstein. Viele der verbliebenen Stammbeschäftigten wünschen sich, dass die rumänischen KollegInnen direkt von den Zielbetrieben beschäftigt werden. „Nur so gibt es die Chance, sich hier ein Leben aufzubauen, ohne der Willkür der Subunternehmer ausgesetzt zu sein.“

Anja Halbritter vom Stützkreis Kellinghusen bekräftigt dies aus Sicht der lokalen Initiative: „Die Menschen haben sonst gar keine Chance sich als Teil unserer Gesellschaft zu fühlen. Nur eine Beschäftigung direkt beim Schlachthof ermöglicht eine Integration in die Gemeinde. Die Werkvertragsarbeiter können dann nicht mehr so einfach rausgeschmissen oder vom Subunternehmen zwischen den verschiedenen Standorten hin und her geschickt werden. Das ist für viele Alltag und es bleibt ihnen keine Zeit und Kraft die Sprache zu lernen“, so Halbritter.

Für Pastor Jens Haverland vom Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf ist das Werkvertragsunwesen in der Fleischindustrie eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung: „Wir alle sind herausgefordert damit umzugehen. Es darf uns nicht egal sein, wie die in Werkverträgen Beschäftigten leben und arbeiten müssen. Mit „uns“ meine ich: die Wirtschaft im Allgemeinen und die Schlachthofbetreiber im Besonderen, die Politik des Landes und den Staat, die Gewerkschaften und die Kirchen und letztlich alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes.“

„In den kommenden Tagen geht es um Vieles“ sagt Susanne Uhl mit Blick auf die Debatten auf Bundesebene und im Land. „Wir sind gefordert hinzusehen und uns nicht mit zu wenig an Verbesserungen zufrieden geben. Dafür warten unsere KollegInnen in den Werkverträgen und wir alle schon zu lange auf wirksame Maßnahmen“.

Für Rückfragen:

Heike Riemann 0173 8288003
Lisa Vordermeier-Weinstein 01512 8823689
Susanne Uhl 0160 7120103

 

* Der Initiativkreis ist ein Bündnis aus DGB Schleswig-Holstein Nordwest, des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt der Nordkirche, des Ev.-Luth. Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf, des DGB-Projektes „Faire Mobilität“, der katholischen Gemeinde St. Ansgar Itzehoe, dem Christian-Jensen-Kolleg und der Gewerkschaft NGG. Seit zweieinhalb Jahren engagieren wir uns vereint für eine Verbesserung der Situation auf den Großschlachthöfen und in der Fleischindustrie in Schleswig-Holstein, informieren mit Konferenzen und verschiedenen Veranstaltungen und sind an der Initiierung zweier Runder Tische beteiligt.
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vor den Werkstoren von Böklunder dgb

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vor den Schlachthof-Toren von Danish Crown in Husum dgb

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In Kellinghusen dgb

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Schutz vor Covid-19 dgb

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Susanne Uhl in Böklund dgb

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Bei Redlefsen dgb

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