Deutscher Gewerkschaftsbund

26.08.2019

Grüner Wasserstoff sichert Industrie und Beschäftigung an der Westküste

Der Klimawandel ist spürbar, die Energiewende kommt nicht so richtig voran. Freitags demonstrieren junge Menschen und machen Druck, den für die Umwelt schädlichen CO2-Ausstoß in den Griff zu bekommen. An Schleswig-Holsteins Westküste wird jetzt an einem Projekt gearbeitet, das einen kräftigen Schub bringen könnte: eine nachhaltige Industrie, die Windenergie in grünen Wasserstoff umwandelt, um diesen mit Kohlendioxyd (CO2) vermengt für die Herstellung von synthetischem Kerosin zu nutzen. „Fliegen kann so mindestens klimaneutral werden“, sagte DGB-Geschäftsführerin Susanne Uhl vor rund 50 regionalen Akteuren in Meldorf. „Wir hoffen mit den Beschäftigten der Unternehmen, dass das Projekt „Reallabor Westküste 100“ mit Bundesmitteln ausreichend gefördert wird und demnächst loslegen kann“.

Zentral beteiligt sind die Raffiniere in Heide und der Zementhersteller Holcim in Lägerdorf. Arne Stecher ist der Holcim-Projektleiter von Westküste 100 und gibt sich optimistisch, was die technische Umsetzung angeht. „Bei der Zementherstellung wird viel Kohlendioxyd freigesetzt, das ist unvermeidlich und deshalb haben wir schon lange darüber nachgedacht, wie man das CO2 als Quelle für neue Energieträger einsetzen kann“, erläutert Stecher. Das gehe aber nur gemeinsam mit anderen Unternehmen und die seien bei „Westküste 100“ mit im Boot: das Unternehmen Ørstedt kennt sich mit grünem Strom aus, die EDF (Electricité de France) hat Erfahrung mit der Verarbeitung zu Wasserstoff, die Raffinerie Heide verfügt über Salzkavernen zur Speicherung. „Und die Infrastruktur in Dithmarschen und Steinburg ist besonders gut dafür geeignet, den tiefgreifenden Wandlungsprozess zu einer nachhaltigen Industrie auf den Weg zu bringen“, lobt Arne Stecher.

Funktionieren soll die nachhaltige Industrie so: die von Windkraft erzeugte Energie wird in der Raffinerie Heide durch Elektrolyse zu grünem Wasserstoff umgewandelt. Der dabei entstehende Sauerstoff wird im Zementwerk Holcim eingespeist und reduziert die Stickoxide. Das dort entstehende Kohlendioxyd wird als Rohstoff mit dem grünen Wasserstoff aus Heide für die Herstellung von synthetischem Kerosin verwendet. „Der Hamburger Flughafen und Airlines drängen bereits als Abnehmer. Mit dem Kohlendioxyd aus Lägerdorf kann ein Drittel der Flughafenenergie geliefert werden“, sagt Arne Stecher.

Schleswig-Holstein hat bei der nachhaltigen Energie und den Umwandlungsprozessen technisch und zeitlich die Nase vorn, denn Machbarkeitsstudien liegen schon vor. Für die Wirtschaftlichkeit spiele der Strompreis eine Rolle, aber auch der Handel mit CO2-Zertifikaten, die von 4 Euro auf aktuell 29 Euro pro Tonne gestiegen sind. „Da wird das Vermeiden von CO2 wirtschaftlich“, so Stecher.

Die Betriebsratsvorsitzenden Norbert Wagner von Holcim und Claus-Peter Schmidtke von der Raffinierie Heide stehen mit den Beschäftigten voll hinter den Prozessen zur Umwandlung einer nachhaltigen Industrie. Sie sehen darin neue Wertschöpfung für die Region und Beschäftigungsmöglichkeiten. „Wir sind keine sterbende Industrie mehr, sondern eine mit hundert Prozent Zukunft“, so Wagner und Schmidtke.


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